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Brückenbauer für Kinder mit Teilleistungsstörungen in Regelschulen

Petra Werner verrät, wie Heilpädagogen in Grundschulen wirken können

Interview von Cara Pauls

Diplompädagogin Petra Werner ist Leiterin der Fachakademie für Heilpädagogik  in Regensburg. Im Rahmen eines Praktikums haben einige ihrer Studierenden in einer bayrischen Grundschule – begleitend zum Regelunterricht – Einzelförderung für Kinder mit AD(H)S und anderen Verhaltensauffälligkeiten angeboten. Ergänzt wurde das Angebot durch Beratung für Eltern und Lehrkräfte. Legakids.net hat Petra Werner dazu interviewt:

Bisher werden heilpädagogische Fachkräfte nur in Förderschulen eingesetzt. Wie kam es dazu, dass Sie an einer Grundschule tätig geworden sind?
Zunächst haben wir in der Ausbildung besprochen, an welchen Orten die verschiedenen Teilleistungsstörungen auftreten. Da richtete sich der Fokus sofort auf die Grundschulen. Wir haben uns gefragt: „Was brauchen die Kinder dort vor Ort? Was brauchen die Eltern? Und was brauchen die Lehrer?“ Vor diesem Hintergrund gründeten wir eine Projektgruppe.

Wie ist der Kontakt mit der Grundschule zustande gekommen? Kannten Sie den Schulleiter schon im Vorfeld?
Schultafe mit SonneJa, er war vorher an einer anderen Grundschule Schulleiter und hat dort – für Bayern etwas ungewöhnlich – eine integrative Beschulung durchgeführt. Mittlerweile ist es nicht mehr so ungewöhnlich, dass zum Beispiel Kinder mit Downsyndrom noch mit der Klassengemeinschaft mitwachsen, sich mitentwickeln können. Wir hatten immer wieder Praktikanten dort, so dass der Schulleiter einiges über Heilpädagogen wusste.

Wie sah Ihr Einsatz vor Ort in der Grundschule aus? Welche Teilleistungsstörungen wurden besonders angegangen?
Im Vorfeld wurden verschiedene Themenbereiche angeschnitten: Legasthenie, Dyskalkulie, AD(H)S. Über Legasthenie zum Beispiel waren die Lehrer an dieser Schule schon gut informiert. Deshalb habe wir uns auf das Feld Aufmerksamkeitsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten allgemein konzentriert – wobei das ja oft kombiniert ist mit anderen Lernschwierigkeiten oder Teilleistungsproblemen.
Anschließend verteilten sich  fünf Studierende in den Klassen 3 und 4  und hospitierten im Unterricht. Sie fühten  Einzelbeobachtungen im Unterricht durch sowie  Lehrer- und Elterngespräche. Schließlich arbeiteten sie mit acht Kindern im Bereich Wahrnehmungsverbesserung, soziale Kompetenz, soziale Kontakte. Wöchentlich wurden sie dabei von zwei Supervisorinnen an der Akademie begleitet.
Die Arbeit fand also auf drei Ebenen statt: zum einen die Ebene direkt am Kind, zum anderen die Ebene in der Schule mit den Lehrern und als dritte Ebene ein Elterntraining.
Optimal war, dass die Förderung in der normalen Unterrichtszeit stattfand. Die Kinder waren dauerhaft von einem bestimmten Unterrichtsfach befreit und die Lehrer kooperierten sehr gut.

Sie sagten, Klassen 3 und 4, weshalb nicht 1 und 2?
Es war eine Vorauswahl durch die Schule getroffen worden und die Lehrer wurden vorab befragt, wer denn denkt, in seiner Klasse Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom oder Ähnlichem zu haben. Ein Kind wurde ziemlich zu Beginn der Entwicklungsförderung in die Klasse 2 zurückgestuft, aber Klasse 1 war niemand. Wobei eines ganz interessant war: Dadurch, dass die Studierenden Einzelbeobachtung machen konnten und sich hinterher mit den Lehrern ausgetauscht haben, ergaben sich oft ganz neue Bilder der Kinder. Ein Kind ist beispielsweise zu Beginn von einem Lehrer als von ADS betroffen eingeschätzt worden, dabei ist es eigentlich nur sehr sozial ängstlich gewesen.

Wie wurden Eltern und Lehrer dabei miteinbezogen?

Mit allen Lehrern fand im Vorfeld ein Gespräch statt. Es wurde das Konzept im Groben vorgestellt: Worum es geht, welcher Rahmen vorhanden ist, wer es durchführt, welche Zielsetzung besteht, wie der zeitliche Rahmen aussieht. Dann haben die Studierenden Fragebögen entwickelt, um die Belastungssituation der Lehrer zu erfassen.
Die Eltern wurden in den ersten zwei, drei Monaten einzeln angeschrieben. Dabei fand ich sehr schön – das deckt sich ganz mit dem LegaKids-Ansatz „Die Stärken stärken“ – dass die Studierenden jeweils ein Foto vom Kind der Einladung beilegten und auch die positiven Eigenschaften des Kindes und positive Situationen benannten.

Es waren nur die vorab ausgewählten Eltern da, das Projekt wurde nicht im Großen für die ganze Schule vorgestellt?

Nein. Das Gespräch fand statt, nachdem die Studierenden die Kinder schon kennengelernt hatten. Zu diesem Gespräch sind alle eingeladenen Eltern gekommen. Den Eltern wurde ein spezielles Training angeboten, um die häusliche Situation und die Zusammenarbeit mit der Schule zu verbessern. Das Trainingsangebot haben nicht alle Eltern angenommen aber einige.
Es hat sich als positiv erwiesen, dass die Heilpädagoginnen, die das Elterntraining durchgeführt haben, keine Notengeber sind. Das heißt, sie haben auch die Chance die Kinder und ihre Eltern von einer anderen Seite zu sehen. Ich habe sie als Brückenbauer empfunden, auch zum Lehrpersonal.

Sie hatten ja gesagt, dass die Lehrer sehr positiv reagiert hätten. Denken Sie, das hängt damit zusammen, dass der Schulleiter auch schon so viel im Vorfeld an Wissen und Themen vorbereitet hat?
Sie haben da einen wichtigen Faktor angesprochen: Wenn der Schulleiter die Arbeit der Heilpädagogen wertschätzt, dann wirkt das aufs ganze Lehrerkollegium. Zum anderen sind die Studierenden auch sehr behutsam auf die Lehrer zugegangen.
Eigentlich hatten wir mit sehr viel Widerstand gerechnet, z.B. mit Haltungen der Lehrer wie "Gott, Ihr Grünschnäbel, was wollt Ihr uns sagen?", aber es war genau das Gegenteil der Fall: Die Lehrer waren sehr wissbegierig. Gegen Ende haben die Studierenden noch einen Abschlussvortrag gehalten, den wollten einige anschließend in Papierform haben.

Wissen Sie von ähnlichen Projekten an anderen Grundschulen?
Ich weiß, dass es in Bayern noch zwei Akademien gibt, die ähnliche Projekte anbieten. Das ist einmal die Fachakademie in Schönbrunn und die Fachakademie in München.
Wir halten es für sehr, sehr sinnvoll, da gerade die Grundschulzeit ein sehr sensibler Bereich ist. Ich glaube, dass die Lehrer sehr gute Arbeit leisten. Aber wenn sie 32 Kinder unterrichten sollen, sind sie einfach nicht in der Lage, gleichzeitig auch noch einen besonderen Förderbedarf abzudecken. Aus meiner Sicht wäre eine zweite Kraft in jeder Grundschulklasse eine wunderbare Sache. Was sehr viel Leid von den Kindern fernhalten würde, aber auch von den Eltern.

Wären Sie bereit, so ein Projekt auch an anderen Grundschulen anzubieten?

Wir wollen auf jeden Fall in der Richtung weiterarbeiten und sind bereits mit entsprechenden Stellen, etwa dem Kultusministerium, im Kontakt. Aus unserer Sicht wäre es schön, wenn sich diese Praktika irgendwann einmal auch in Stellen niederschlagen würden. In jedem Fall sind Interesse und Gesprächsbereitschaft da.

Haben Sie einen Tipp, was Eltern und Lehrer tun können, damit in der Schule ihrer Kinder vergleichbare Angebote etabliert werden?

Mein Tipp ist: Nicht nur eine Ebene ansprechen, sondern mehrere. Das heißt sowohl die politische Ebene als auch die Entscheidungsebene vor Ort. Politische Ebene bedeutet die Regierung, das Kultusministerium. Entscheidungsebene vor Ort wären die Schulleiter an Grund- oder Integrativschulen, aber auch die Lehrkräfte.
Auch der Elternbeirat kann da mit Sicherheit sehr viel in Bewegung setzen, indem er einfach weiß von solchen Projekten, die erfolgreich gelaufen sind und die viel Beachtung gefunden haben. Mit so einem Modell kann man natürlich ganz anders argumentieren.

Gibt es einen Punkt, der Ihnen wichtig ist, den Sie betroffenen Eltern, Kindern und Lehrern mit auf den Weg geben möchten?
Eigentlich etwas, was bereits auf der LegaKids-Website steht: Die Stärken stärken. Denn Kinder mit Legasthenie, mit Dyskalkulie, mit anderen Störungsbildern haben einen enormen Druck, bis mal die richtige Diagnose gestellt ist, und bis dann entsprechend auch das Netz greift, um die Hilfen gut laufen zu lassen. Da kann ich nur sagen: Immer wieder auf die Stärken achten und die Zeit geben, die die Kinder brauchen. Unsere Kinder sind die Zukunft, damit sollten wir sorgfältig umgehen. Ich finde es einfach schön, wenn man die Ressourcen, die da sind, gut ausschöpft. Und aus Kindern, die Legasthenie haben oder auch Dyskalkulie, wenn aus ihnen  selbstbewusste, erfolgreiche Persönlichkeiten werden.

Dankeschön, ein sehr schönes Schlusswort.

Weitere Links zum Thema:

"Heilpädagogen gehören in Regelschulen!" Ergebnisse des Fachtags "Möglichkeiten von Heilpädagogik in Regelschulen" am 10.11.2007 in der Akademie Schönbrunn

"Heilpädagogen in die Schule? In Burgweinting tat es gut" Zeitungsartikel zum Thema in der Mittelbayrischen Zeitung